Ende und Anfang

Der medial gehypte assistierte Suizid des Journalisten, Schriftstellers und Schuldirektoren Nikolaus „Niki“ Glattauer (1959–2005) lässt wohl alle Wahrnehmenden an den eigenen Tod denken – so auch mich derzeit 81jährige.

Wieder. Denn bei meinem schweren Autounfall 2010, als ich wähnte, dass mein Auto brenne, aus dem ich nicht heraus konnte, sagte ich mir: Das ist also jetzt mein Tod. Und dann begann ich mit allen mir bekannten Methoden mich in Trance zu bringen, um den erwarteten Schmerzen durch einen anderen Bewusstseinszustand zu begegnen. Ich dachte damals, wie haben es Märtyrer wie Hexen ertragen … und antwortet: vermutlich durch Ekstase (bzw. Psychose).

Als der assistierte Suizid parlamentarisch behandelt wurde, unterstützte ich die Gegner. Die Selbstbestimmung achte ich sehr wohl – sie ist wichtig, damit kein seelischer Widerstand das „Hinübergleiten“ behindert. Ich habe bei der Euthanasie der zweiten wie der fünften unserer Hündinnen erlebt, wie sanft das möglich ist: zuerst sediert, dann narkotisiert, dann die letzte Spritze. Bei der vierten war eine andere Tierärztin leider nicht geduldig und liebe-voll genug, und meine geliebte Laika hat entsetzlich geschrieben, als sie ihr gleich die finale Dosis verabreichte.

Was mich stört, ist die Vermarktung. Das „öffentliche“ Sterben – wie einst bei Kaisern und Königen. Aber da war es auch not-wendig als quasi Nachweis für die oft strittige Nachfolgerschaft.

Aus der Suizidforschung ist das Phänomen bekannt, dass manche Lebensüberdrüssige Personen „mitnehmen“ wollen, manche diejenigen, mit denen sie noch „eine Rechnung offen“ haben, andere die, für die sie sich verantwortlich fühlen (eine ziemlich gewalttätige Eigen-Interpretation), manche sogar Prominente – oder solche, von denen sie selbst hoffen, durch diese Gemeinsamkeit aus dem Übersehenwerden ihres Leidens herauszutreten.

Herr Glattauer hat zwei Chefredakteure gewählt. Ich weiß nicht, ob sie ihm echte Freunde waren oder eben Journalisten, die die „G’schicht“ erkannt und logischerweise  journalistisch behandelt haben. (Das schreibe ich als Witwe eines Journalisten und Coachin wie auch Mentorin vieler Journalist:innen und selbst Medienarbeiterin, weil ich weiß, wie oft man in diesem Beruf an die Grenzen der eigenen Ethik gelangen kann.)

Die beiden aktuellen Interviewer von Herrn Glattauer haben sich sehr bemüht, keine Grenzen zu verletzen. Das ist ihnen hoch anzurechnen: jedes Modell von Wertschätzung ist hilfreich in einer Gegenwart, in der respektvolles Kommunizieren immer mehr verloren geht.

Und dennoch konnte die wesentlichste Chance nicht ergriffen werden: als Herr Glattauer zuletzt über sein Weinen sprach, wurde er nach dem Motiv gefragt und verwies darauf, dass es eben traurig sei (ich hoffe, dass ich das jetzt aus meiner Erinnerung korrekt wiedergebe).

Aus meiner Erfahrung ist es aber das Phänomen des Loslassens: Wenn man sich bewusst von etwas, das man geliebt hat und liebt – und dazu gehört hoffentlich auch das eigene Leben – verabschiedet, weitet sich das Herz (ich nenne das den „seelischen Spagat“) und da kommt eine ganz bestimmte Emotion hoch, eine Art „Ausströmen“, und mit ihr kommen auch die Tränen, die von den Festhalte-Impulsen „reinigen“: von der „Anhaftung“ an der „Materie“ und am Materiellen – hinüber ins nur mehr Geistige, ins Spirtituelle. Deswegen wünschen sich auch so viele Menschen, in den Armen derjenigen zu sterben, die sie lieben …

Leider ist das in der globalisierten Welt der Trennungen (und Spaltungen!) selten möglich.